Kleider machen Leute oder vom inflationären Tragen klerikaler Gewänder

Bremerhaven. Wer mich kennt, weiß: Der legt wert auf sein Aussehen und auf die passende Kleidung. Von schick und stilvoll, bis hin zu rockig und abgefuckt ist alles dabei – immer dem Anlass entsprechend. Mal schlicht, mal bunt, mal zerrissen und dann auch mal wieder dem Anlass entsprechend ernst. Kleider machen Leute – ein Spruch den wir kennen und oft hören. Die lange schwarze Robe von Richter und Anwalt, der Talar und die Soutane der Priester wirken edel und flößen Ehrfurcht ein. Bei der weißen Kleidung von Pflegekräften wissen wir, die sind für uns da und mitfühlend. Blaue OP-Kleidung erfüllt uns mit Unbehagen. Die Uniform von Polizei und Militär vermittelt Respekt und beim bösen Buben hoffentlich auch mal Angst. Der Clown bringt uns zum Lachen oder, wenn man Fan von Stephen King ist, zum Fürchten. Kleider machen Leute.

Ich selbst trage gerne schwarz. Schwarz schützt, schafft eine Aura der Ehrfurcht und des Geheimnisvollen. Priester, Mönche, Richter, Magier, Hexen und Nonnen – sie Alle tragen schwarz. Eine Farbe die mit Spiritualität, Religion, Wissen und auch Autorität verbunden wird. Zu offiziellen Anlässen kommt dann bei mir das gute Stehkragenhemd zum Einsatz, schon wirkt man noch eine Spur schicker, ja fast schon klerikal oder eben auch geheimnisvoll. Ob Mao wusste was er mit dem nach ihm benannten Kragen für einen Modetrend auslöst?

Kleider machen Leute. Der Satz kann auch problematisch verstanden werden, wenn Kleidung etwas vermittelt, was nicht sein soll. Gerade Kleriker übertreiben es gerne. Kleriker, wurde ich neulich gefragt, was ist das? Nun als Klerus bezeichnet man die Angehörigen des geistlichen Standes, zumeist jene, die einen Weihegrad innehaben. Galt früher noch der römisch-katholische Kleriker (Diakon/Priester/Bischof) als rund um die Uhr im Einsatz, so darf man sich getrost von dieser Anschauung verabschieden. Gerade wir Freikirchler haben vorrangig auch noch Beruf und Familie. Wir sind eben nicht rund um die Uhr im Einsatz. Das wäre auch sinnfrei, denn Familie und Beruf sind wichtig.

Nehmen wir das Beispiel Collarhemd, Soutane und Talar. Was vermitteln uns selbige? Sie sagen uns: Hier ist ein geweihter Priester oder Bischof im Einsatz. Ganz klar, der ist auf dem Weg zu Gottesdienst, Beerdigung oder einer Sitzung im Pfarrgemeinderat. Ganz klare Aussage. Da gibt es auch nichts daran zu rütteln. 

Die Kleidung von Klerikern soll eben die entsprechende Würde im offiziellen Einsatz vermitteln. Dies geschieht jedoch nicht, wenn sie inflationär getragen wird. Dann wird diese Würde praktisch ins Gegenteil verkehrt und auch pervertiert. Denn was geschieht wenn ich die Kleidung z.B. am weltlichen Arbeitsplatz, beim Shopping, dem Museumsbesuch oder im Park trage? Ich wirke schlicht und einfach lächerlich. Mögen uns die Menschen zwar nach Außen hin mit Respekt begegnen, in ihren Gedanken finden sie uns albern oder erklären uns für verrückt. Verrückt ist ein gutes Wort, bedeutet es doch nicht am richtigen Platz zu sein. In diesem Fall geistig in einer Parallelwelt zu hängen. 

Für Alles gibt es eine Zeit. Auch für die Kleidung. 

Sehe ich einen Priester mit Collarhemd vor mir, so erwarte ich (zumindest ich als ehemaliger Ordenschrist) einen fachlich kompetenten Menschen vor mir zu haben. Ich nehme an mit diesem Menschen kann ich das Stundengebet feiern, die Liturgie wird angemessen gestaltet und im Gespräch finde ich das nötige Fachwissen vor. Habe ich nun jemanden vor mir, der nicht über das liturgische und theologische Wissen verfügt – der aber gekleidet ist wie ein Priester, so sehe ich nur eines: Einen verkleideten Menschen. Verkleidet – wieder so ein Wort. Man hat sich etwas angezogen was nicht zu einem passt. Es ist zwar richtige Kleidung aber der falsche Mensch dafür. Vielleicht wär ja ein Pulli oder ein T-Shirt besser gewesen?

Im Kloster hatten wir einen Satz, der so oder abgewandelt immer gilt: Die, die zuerst Collar tragen sind die, die als erste den Kinderwagen schieben. Heißt: Wer etwas darstellen will, das zu ihm nicht passt, der fällt auf die Schnauze. Ganz klar.

Ich will ja niemandem seinen Spleen abreden. Kleidung ist toll. Sie wärmt uns, schützt uns vor Wind und Regen, kann ein toller Fetisch sein und lässt uns zumeist gut aussehen – von Leggings mal abgesehen. Kleidung erfüllt vielfältige und gute Zwecke. Sie muss jedoch richtig eingesetzt werden. Liturgische Kleidung gehört in den Gottesdienst, die Robe von Richter und Anwalt in den Gerichtssaal und klerikale Kleidung eben  zum jeweiligen Anlass.

Gerade wir Kleriker sind unter strenger Beobachtung der Gesellschaft. Wir wollen ernst genommen werden und nicht als religiöse Spinner gelten. Wir müssen ernst genommen werden, sonst verlieren wir das wichtigste: Unsere Glaubhaftigkeit. Die Menschen gehen immer innerlich bei Priesterkleidung in Abwehrhaltung. Dies liegt an der extremen Machtgier der Kirchen in den letzten Jahrhunderten, den unzähligen Missbrauchsfällen und auch der finanziellen Korruptheit vieler Geistlicher.  Nur durch unsere Aufrichtigkeit, unseren Lebenswandel und unser Auftreten können wir die Menschen wieder überzeugen – nicht durch Kleidung. Wie viele Menschen werden schon schief angesehen und in eine bestimmte Ecke gestellt, nur weil sie ein Kreuz um den Hals tragen? Trage ich ein Kreuz am Revers meiner Sakkos, dann erkennen mich die Leute schon als Kleriker – jedoch in einer angenehmen und befriedeten Stimmung. 

Der kleine weiße Kragen, den wir tragen, kennzeichnet uns als etwas besonderes: Unser Leben ist Gott geweiht. Ich verstehe welch großen Stellenwert dies für manche hat. Übrigens wir in der UKK tragen auch nur die Spezialform des Kragens, wie ihn unsere Statuten vorgeben – immerhin wollen wir nicht mit den römischen Mitbrüdern verwechselt werden. Trotzdem sind wir nicht im Dauereinsatz. Wir haben Familie, Partner, Kinder und Beruf. Hier mögen wir zwar als Vase Sacre bekannt sein, jedoch sind wir hier als Ehepartner oder im Beruf als Angestellte. Wir sind hier nicht im priesterlichen Dienst. Sind wir in der Gemeindearbeit, beim Gottesdienst, leiten eine Beerdigung oder Trauung, dann ist es klar: Hier sind wir im Dienst. Ansonsten sind wir immer Privatleute oder hoffentlich gute Mitarbeiter in unseren Unternehmen. Und sind wir im geistlichen Dienst, dann auch immer hoffentlich mit dem entsprechenden theologischen und liturgischen Fachwissen, damit wir zum einen die Glieder unserer Gemeinden nicht verwirren und eventuell enttäuschen, uns im schlimmsten Falle sogar lächerlich machen. Hier bietet übrigens gerade die UKK ihren Mitgliedern eine gute und fundierte Ausbildung an – kostenfrei!